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Verlies in der Küche

"Eines Abends - sie standen grade gemeinsam vor einem der Küchenschränke - hielt Eißpin plötzlich darin inne, ein Ei zu pellen. Er legte es zur Seite und beugte sich zu dem Krätzchen herab. Dann öffnete er eine der unteren Küchenschranktüren und fragte Echo, ob er hineinsehen und ihm sagen könne, was sich darin befinde. Der tat wie geheißen und konnte nur ein staubiges Durcheinander von unidentifizierbaren Küchengeräten ausmachen.

>Keine Ahnung<. antwortete Echo. >Irgendwelches Gerümpel.<

>Dies<, sagte Eißpin mit bebender Stimme, >ist das Verlies der sinnlosen Kücheninstrumente. Es gibt ein solches Verlies wohl in jeder besser eingerichteten Küche. Ihre Insassen werden darin gehalten wie besonders gefährliche Patienten einer Irrenanstalt.<

Eißpin langte in den Schrank und holte ein seltsam geformtes Gerät hervor. >Welcher Koch<, rief er, >besitzt nicht solch ein Schnitzgerät, mit dem man ein Radischen in eine Miniaturrose verwandeln kann? Erworben auf dem Wochenmarkt in einem Augenblick geistiger Umnachtung, in dem man sich ein Leben ohne Miniaturrosenschnitzgerät einfach nicht vorstellen konnte.<

 Er schleuderte das Ding zurück ins Dunkel und förderte ein anderes zu tage.

>Oder das hier, mit dem man eine Kartoffel in eine fünf Meter lange Spirale aufschneiden kann! Oder hier, eine Quetsche zum Entsaften von Kohlrabis! Oder das hier - eine Pfanne, in der man viereckige Pfannkuchen backen kann.<

Eißpin holte nach und nach die Geräte aus dem Schrank, hielt sie Echo vor die Nase und funkelte sie feindselig an.

>Was hat einen beim Kauf angetrieben? Was macht man mit einer Kartoffelspirale, mit der man einen Festsaal schmücken kann? Welche Wahnstimme hat einem eingeflüstert, dass man vielleicht einmal Gäste bekommt, die einen unstillbaren Heißhunger auf fünf Meter lange Kartoffeln, viereckige Pfannkuchen und Kohlrabisaft verspüren?<

Der Schrecksenmeister schleuderte die Geräte angewidert in ihren Kerker zurück, Staub wallte auf, und Echo musste niesen.

 >Nun fragt man sich doch, warum man diese Geräte nicht einfach auf den Müll schmeißt? Ich sag dir auch das. Man behält sie aus einem einzigen Motiv: aus Rache! Man hält sie, wie mittelalterliche Fürsten ihre Gegner als Gefangene in Hungertürmen gehalten haben. Der schnelle Tod auf der Müllhalde wäre zu gnädig. Nein, sie sollen in einem dunklen Verlies schmachten, zu ewiger Untätigkeit verdammt. Nur das ist die einzig gerechte Strafe für eine Kohlrabisaftpresse.<

Mit diesen Worten warf Eißpin die Schranktür zu und drehte ihren Schlüssel dreimal im Schloss um. Dann wandte er sich wieder seiner Kochkunst zu, als sei nichts gewesen."

 

Der Schrecksenmeister von Walter Moers

13.11.08 23:07
 


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